Die Pflege verwaister jüdischer Friedhöfe

Jüdische Friedhöfe haben verschiedene Bedeutungen. Sie sind …


religiöse Kultstätten: Eine der hebräischen Bezeichnungen für Friedhof lautet: „Haus der Ewigkeit“, d.h. gemäß  jüdischer Tradition (Halacha) ist der Friedhof ewige Ruhestätte für die Toten und darf deshalb nie „aufgegeben“ oder „aufgelassen“  werden.

Erinnerungsorte: Sie dienen Verwandten, Bekannten und Besuchern der Grabstätten als persönliche, familiäre, lokale und religiöse  Erinnerungsorte.

Denkmale: In fast allen Orten, an denen sich jüdische Friedhöfe befinden, sind diese die einzigen materiellen Überreste der Jahrhunderte alten deutsch-jüdischen Kulturgeschichte. Die meisten sind verwaist, d.h. sie werden nicht mehr belegt und es gibt keine Angehörigen, die sie pflegen könnten. Viele stehen unter Denkmalschutz, die meisten sind vorbildlich gepflegt, andere völlig verwildert, manche nicht mehr sichtbar. Die Pflege ist unterschiedlich geregelt: die  Zivilgemeinden oder die jeweiligen jüdischen Gemeinden sind verantwortlich.
 


Diese Hinweise wurden mit Herrn Zöphel von der Jüdischen Gemeinde Koblenz erstellt. Sie versuchen die religiösen Erfordernisse in Einklang zu bringen mit dem Bedürfnis, diese Friedhöfe als kulturgeschichtlich wertvolle Stätten zu erhalten und sie interessierten Menschen zugänglich zu machen.

Ziel der LAG - Bemühungen ist es, alle jüdischen Friedhöfe in R-P als deutsch-jüdisches Kulturerbe unter Denkmalschutz zu stellen, alle Friedhöfe und alle Gräber mit ihren wertvollen Inschriften zu dokumentieren, zu inventarisieren und für die Nachwelt zu sichern (Jüngstes Beispiel: Ingelheim in der Datenbank „Epidat“).

Unterhaltung:

Die Sicherung und Betreuung der pflegeverwaisten jüdischen Friedhöfe sind geregelt auf der Grundlage einer Vereinbarung vom 21. Juni 1957 zwischen Bund, Ländern und jüdischen Organisationen. Bund und Länder finanzieren die Pflege je zur Hälfte gemäß einem qm-Pauschalbetrag (2016: 1,20 €/qm).
Für die wenigen jüdischen Friedhöfe, die noch belegt werden, gibt es in der Regel eine eigene Friedhofssatzung, die anderen fast 400 Friedhöfe in Rheinland-Pfalz gelten als „pflegeverwaist“.  
Für Rheinland-Pfalz trat am 1.April 2000 eine Verwaltungsvorschrift des Ministeriums des Innern und für Sport über die "Betreuung der jüdischen Friedhöfe" in Kraft, die die Grundsätze der Pflege regelt:  
„Die Betreuung erfordert die Bewahrung der Ruhe der Toten und die Erhaltung des Friedhofs als in die Landschaft eingefügte Gesamtheit. Die zuständige Landesbehörde übernimmt die Verantwortung der Betreuung unter maßgeblicher Mitwirkung der jüdischen Landesverbände“.
Die unteren Denkmalbehörden sind in Rheinland-Pfalz die Landkreise, bei deren Verwaltung ein Angestellter/eine Angestellte für die jüdischen Friedhöfe zuständig ist. Die konkrete Pflege obliegt meist den Friedhofsämtern (z.B. Städte, Verbandsgemeinden), jüdischen Kultusgemeinden oder den mit der Pflege beauftragten Personen.

Auf dieser Grundlage gibt die LAG folgende Pflegehinweise:

1) Erhaltung einer sicheren Einfriedung (z.B. Zaun, Hecke) mit abschließbarem Tor/Zugang.  Dies gilt für die meisten jüdischen Friedhöfe. Es ist zweckmäßig, dass der Friedhof betreten werden kann, auch ohne dass man einen Schlüssel irgendwo abholen muss. Wenn jemand den Friedhof schänden will, tut er dies auch, wenn eine Tür verschlossen ist. Viele liegen so weit außerhalb der Ortschaften, dass Besucher aus aller Welt nicht eigens den Schlüsselbesitzer suchen können.
Löcher in den Einfriedungen (Zaun/Hecke) sind zu schließen, damit Tiere nicht auf
die Gräber gelangen.

2) Einige jüdische Friedhöfe liegen als eigene Felder innerhalb der kommunalen Friedhöfe, insbesondere in Rheinhessen. Sie sind gemäß früherer Vereinbarungen meist nicht oder nur durch eine Hecke eingefriedet.

3) Die ordnungsgemäße Unterhaltung der Zugangswege und Hauptwege  auf dem Friedhof ist sicherzustellen.

4) Gras ist regelmäßig zu schneiden und „Unkraut“ oder Laub zu beseitigen. Dies gilt auch für die Grabstätten.

5) Da es in den meisten Fällen keine in Deutschland lebenden Angehörigen der Toten mehr gibt (Drittes Reich, Shoah -  Flucht, Emigration), muss auch das Unkraut auf den Gräbern beseitigt werden und so ein pietätvoller Zustand erhalten bleiben.

6) Bei den Inschriften ist je nach Steinart (Marmor, Sandstein, Granit…) besondere Vorsicht geboten. Grabsteine/Inschriften dürfen nicht selbständig mit Chemikalien oder anderen Mitteln behandelt werden. Drahtbürsten schädigen vor allem Inschriften auf Sandsteingrabsteinen. Hier ist immer eine Kontaktaufnahme mit der jeweiligen  jüdischen Gemeinde erforderlich. Auch Vertreter der GDKE (Denkmalschutzbehörde) können kontaktiert werden.

7) Sollten Schulklassen/Gruppen eine Patenschaft für einen jüdischen Friedhof übernehmen oder einen Friedhof säubern, ist eine Kontaktaufnahme mit der pflegenden Stelle (Jüdische Gemeinde/Zivilgemeinde) angebracht.

8) Efeu, Moos und andere kletternde Wildpflanzen beschädigen alte Grabsteine massiv. Wo dies möglich ist, sollten diese nach Absprache mit der jüdischen Gemeinde entfernt werden.

9) Steine/Steinchen auf den Grabstätten/Grabsteinen bleiben liegen. Sie haben vielfache symbolische Bedeutung und zeigen, dass jemand das Grab aufgesucht hat.
Ob Blumenschmuck/Fotos von den Verstorbenen auf Grabstätten angebracht werden, liegt in der Verantwortung der jeweiligen jüdischen Gemeinde.
Blumenschmuck ist der Tradition gemäß nicht erlaubt, jedoch gibt es mittlerweile Angehörige, die darauf Wert legen. Deshalb sollten Blumen, Plastikblumen, Kerzen und Fotos nicht entfernt werden.

10) Am Schabbat und hohen jüdischen Feiertagen sollten keine Friedhofsbesuche oder Arbeiten auf dem Friedhof stattfinden.  Männer sollten stets eine Kippa/ Kopfbedeckung tragen.

11) Bäume/umgefallene Grabsteine: Um Gefährdungen von Besuchern auszuschließen, sind im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht umgefallene Bäume/schadhafte Äste zu beseitigen bzw. Grabsteine aufzurichten. Zerbrochene Grabsteine sind zu restaurieren. Dies geschieht nur nach Kontaktaufnahme  mit der pflegenden jüdischen Gemeinde/Zivilgemeinde.

12) Viele Friedhöfe liegen in äußerst unzugänglichen und abschüssigen Regionen. Schilder am Eingang weisen auf die Gefahren hin, z.B.: Betreten auf eigene Gefahr.

13) Grabeinfassungen dürfen nicht entfernt werden, die Gräber können mit Split bedeckt werden. Darauf lässt sich „Unkraut“ am einfachsten entfernen.



 

Zum Seitenanfang