AG 1 Recherche und Kontakte zu Angehörigen


Moderation: PD Dr. Thomas Schnitzler
Niederschrift und Ergänzungen: Renate Rosenau
Recherche; Quellen / Archivalien

Stolpersteine werden an der letzten frei gewählten Wohnung des NS-Opfers verlegt. (Vorsicht, keine Doppellegungen!).
Informationen über die Opfer und ihre Wohnungen können in Sachakten und in Personenakten enthalten sein, die in unterschiedlichen Archiven aufbewahrt werden.
Hilfreich sind
die Rekonstruktion von Behörden-/Verwaltungsgängen für die Gemeinde und
die damals gegebenen Zuständigkeiten. Für das 1947 neu gegründete Bundesland Rheinland-Pfalz ist die frühere Länderzugehörigkeit zu beachten: zu Preußen (Rhein-provinz, Provinz Hessen-Nassau), Hessen (Rheinhessen), Bayern (Pfalz) und Olden-burg (Gebiet um Birkenfeld).

Zu beachten ist auch das unterschiedliche Abgabeverhalten der Kommunen (Gemein-den/Kreise) und Institutionen (öffentliche oder private Anstalten, Krankenhäuser, Heime). Be-stände können an das Landeshauptarchiv (Koblenz) /Landesarchiv (Speyer) abgegeben worden sein oder im
Gemeindearchiv/Stadtarchiv aufbewahrt werden, bei privaten Organisationen auch in eigenen (zentralen) Archiven.
Grundlage für die Archivbenutzung sind die Archivgesetze mit den darin festgelegten Schutzfristen:
- für Vorgänge des Deutschen Reiches das Bundesarchivgesetz,
- für alle anderen das Landesarchivgesetz Rheinland-Pfalz (im Novellierungsverfahren, Novelle Juni 2010 erwartet).
Die Archivgesetze finden Sie bei der Archivschule Marburg, http://www.archivschule.de/

Sachakten, Beispiele:

  • Häuserakten
In Trier begann die Recherche mit Häuserakten. Diese wohnortbezogenen Archivalien liegen – je nach Gemeinde – beim Landesarchiv (Landeshauptarchiv Koblenz bzw. Landesarchiv Speyer) oder noch im Gemeindearchiv (Stadtarchiv). Sie sind straßenweise verzeichnet.
  • Enteignungsakten bei der Finanzverwaltung
  • Wiedergutmachungsakten

siehe dazu Bernhard Grau: Entschädigungs- und Rückerstattungsakten als neue Quelle der Zeitgeschichtsforschung am Beispiel Bayerns; enthält Anschriften für die bundesweite Re-cherche. http://www.zeitenblicke.de/2004/02/grau/index.html

  • Personenakten, Beispiele

Hilfreich ist die Frage: Was wird von einem Menschen registriert?

  • Personenstandsakten bei Standesämtern: Geburt, Heirat, Tod (Urkundenbücher nach Jahrgängen)
  • Bei Schulen: Schülerverzeichnisse, Schülerakten
  • Bei Beschäftigten im öffentlichen Dienst: Personalakten von Angestellten und Beamten
  • Entnazifizierungsakten / Spruchkammerverfahren (oft Landeshauptarchiv)
  • Deportationsakten: Vertreibung vor Ort: Einwohnermeldeamt, Gestapo, Polizei, für Menschen jüdischer Abstammung: Gedenkbücher, siehe weiter unten '

Opfergruppen, Beispiele

Politische Opfer (Kommunisten, Sozialdemokraten, u.a.) Schwierige Aktenlage. Prozessakten (Hochverratsprozesse)

Religiös motivierte Opfer (Christlicher Widerstand, Zeugen Jehovas) schwierige Aktenlage, Archive der Landeskirchen bzw. Diözesen

Opfer des Rassenwahns:

  • Menschen jüdischer Abstammung und Religion


Gedenkbuch Bundesarchiv: die Internetpräsentation des „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ - http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

Hinweis (Rosenau): Benutzen Sie die Online-Version, die kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht wird. Sofern Ihre Recherche-Ergebnisse von den Angaben im Gedenkbuch online abweichen, sollten Sie dem Bundesarchiv auf dem Antwortbogen, der zu jeder Person angefügt ist, Nachricht geben.

Jüdische Geisteskranke sind in diesem Gedenkbuch nur zum Teil erfasst. Ein Teil von ihnen wurde Opfer der NS-“Euthanasie“. Die Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Sayn der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Bendorf-Sayn (frühere Jacoby’sche Anstalt) wurden zwischen März und November 1942 den Judendeportationen angeschlossen.
Auskunft: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Yad Vashem: The Central Database of Shoah Victim’s Names / Die Zentrale Datenbank der Namen der Opfer der Shoa
http://www.yadvashem.org/

Hinweis (Rosenau): Die Gedenkblätter (Pages of Testimony) wurden und werden meist von Angehörigen ausgefüllt, oftmals aus der Erinnerung, so dass die angegebenen Daten das Gedenken widerspiegeln, aber oft von den beurkundeten Daten abweichen. Dadurch kam es auch zu zahlreichen Doppel- bzw. Merhfachmeldungen. Das erkennen Sie, wenn Sie zu einer Person mehr als eine Rückmeldung erhalten. Jedes Gedenkblatt hat eine Registrationsnummern (record number), die Sie finden, wenn Sie „Comments“ (Kommentar, Rückmeldung) anklicken, d.h., dass eine Person bei Mehrfachnennungen auch mehrere Registrationsnummern hat. Yad Vashem ist sehr daran interessiert, solche Beobachtungen zu erfahren.

  • Sinti und Roma

Kein zentraler Aktenbestand.
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, des Zent-ralrates deutscher Sinti und Roma:
http://www.sintiundroma.de/. Auf der Homepage auch Literaturangaben, u.a. auf den Katalog über die ständige Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz: Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma Quellen auch in Kirchenbüchern der kath. Kirche.

  • Menschen aus Osteuropa (Slawische Abstammung)

meist Zwangsarbeiter. Keine zentrale Datenbank. Quellen in den öffentlichen Archiven, Einwohnermeldeamt, für Zwangsarbeiter bei den Archiven der Arbeitsämter (Reichsarbeitsdienst, Arbeitskarten).

  • Opfer der Biopolitik: Zwangssterilisation und Krankenmord

Zwangssterilisierte und ermordete Geisteskranke („Euthanasie“). Zu diesen „Ballastexisten-zen“ wurden auch die sog. „Gemeinschaftsunfähiigen“ –„asoziale Psychopathen“, Kriminelle, „Rassenschänder“ gerechnet. 1937 wurden auch ca 600 Kinder von deutschen Müttern und farbigen Besatzungssoldaten der Rheinlandbesetzung 1918-1930, die sog. „Rheinlandbastarde“, als geheime Reichssache (ohne NS-gesetzliche Grundlage) zwangssterilisiert.
Zwangssterilisationen fanden auf der Grundlage des Gesetzes über die Verhinderung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 statt: Dafür wurden an ausgewählten Amtsgerichten Erbgesundheitsgerichte eingerichtet (für Rheinhessen in Worms) sowie eine Beschwerdeinstanz beim Erbgesundheitsobergericht (für Hessen in Darmstadt). Dem Erbgesundheitsgerichtsverfahren ging eine Meldung entweder durch die Leitung einer Heil- und Pflegeanstalt oder durch den jeweiligen Amtsarzt voraus (1934 wurden die Gesundheitsämter reichweit einheitlich strukturiert, sie erhielten eine neue Abteilung für Rassenpflege). Ein Teil der arbeitsfähigen, nicht anstaltspflichtigen zwangssterilisierten Geisteskranken entging der Ermordung. Die Akten der Erbgesundheitsgerichte und der Gesundheitsämter (beim Landeshauptarchiv in Koblenz bzw. beim Landesarchiv Speyer) werden in Rheinland-Pfalz erst mit der Novelle des Landesarchivgesetzes (ca Juni 2010) zugänglich.

Krankenmorde: nationalsozialistische „Euthanasie“
Zu unterscheiden sind drei Ereignisstränge:

  • 1. die T4-Aktion, Gasmord-Aktion, von 1939 bis zum Stopp am 24. August 1941, an sechs Tötungsanstalten, siehe Tabelle
  • 2. die dezentrale „Euthanasie“ danach, 1942 bis 1945, an mehr Anstalten, durch Vergiftung oder Überdosierung von Medikamenten (Spritzen, Tabletten) oder planmäßige Unterver-sorgung (Hunger, mangelnde Hygiene). Sie umfasste Erwachsene und Kinder.
  • 3. die sog. „Kinder –Euthanasie“ in dafür eingerichteten Kinderfachabteilungen.

 


Die größte Zahl der Patienten aus dem Gebiet des heutigen Landes Rheinland-Pfalz kam wahrscheinlich in Hadamar ums Leben, ein Teil aber auch in den anderen Tötungsanstalten, so in der zweiten Mordphase ab 1942
„Kinder-Euthanasie“
Zur „Behandlung“ dieser Kinder wurden reichsweit 30 „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet, in der „positiv eingestellte Ärzte“ die Kinder zu Forschungszwecken Tode pflegten, meist mit Medikamenten. Kinderfachabteilungen gab es u.a. auf dem Eichberg/Rheingau, Kalmenhof/Idstein, Waldniel.
Meldepflichtig waren seit 1939 Kinder, bei denen Verdacht auf ein schweres angeborenes Leiden bestand: Idiotie, Mongolismus (besonders in Verbindung mit Blindheit und Taubheit), Microcephalie, Hydrocephalus schweren bzw fortschreitenden Grades, Missbildungen jeder Art, besonders bei Fehlen von Gliedmaßen, schweren Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule, sowie Lähmungen.

 

Die meisten Patienten lebten in Heimen und Anstalten, wenige in Familienpflege oder zu Hause, auch sie wurden mit wenigen Ausnahmen (Arbeitsfähigkeit) erfasst.

Heil- und Pflegeanstalten und Heime 1937 auf dem heutigen Gebiet Rheinland-Pfalz in:
Ahrweiler, Alzey (heute Rheinhessen-Fachklinik), Andernach (heute Rhein-Mosel-Fachklinik), Bendorf-Sayn (jüdische Anstalt), Ebernach, Frankenthal, Gleisweiler, Heidesheim, Jugenheim/ Rheinhessen, Katzenelnbogen, Klingenmünster (heute Pfalzklini-kum), Bad Kreuznach (heute kreuznacher diakonie), Landau, Leutesdorf, Mainz, Montabaur, Nastätten, Niederfell/Kühr, Queichheim, Saffig, Scheuern/ Nassau, Schönecken/Prüm, Trier, Waldbreitbach (und deren Außenstellen) sowie in Anstalten und Heimen in (heute) benachbarten Ländern, z.B. im Philippshospital Goddelau (heute Riedstadt), Heppenheim/Bergstraße, Eichberg/Rheingau, Gießen (Lan-desheil- und Pflegeanstalt und Uni-Klinik), Heidelberg (Uni-Klinik), Frankfurt, Wiesloch., Nie-der-Ramstädter Heime, Darmstadt-Eberstatdt.

Akten: Es gibt kein zentrales Verzeichnis oder Gedenkbuch der Opfer.
Im Bundesarchiv, Bestand R 179 Kanzlei des Führers, ca 30.000 Patientenakten der T4-Aktion 1939 bis 24. August 1941.
Informationen bei den Gedenkstätten, die an den damaligen Tötungsanstalten Grafeneck, Schloß Hartheim, Pirna-Sonnenstein, Bernburg und Hadamar (Brandenburg in Vorberei-tung) eingerichtet sind. Dort auch Informationen zu den nach 1941 bis 1945 ermordeten Kranken.

Akten auch in Landesarchiven oder in Anstaltsarchiven, für Hessen (einschließlich dem früheren Rheinhessen) auch über den Landeswohlfahrtsverband Hessen in Kassel.
Prozessakten: u.a. Hadamar-Prozeß, Eichberg-Prozeß im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.
Siehe auch „Justiz- und NS-Verbrechen“ unter http://www1.jur.uva.nl/junsv/

  • Homosexuelle

keine Zentralakten, ggfs Akten der Gestapo-Leitstellen (z.B. Gestapoleitstelle Nordwest (Rheinprovinz).
Erst wenige Studien. Informationen ggfs bei Interessenverbänden.

Kontakte zu Angehörigen:
Die Arbeitsgruppe tauschte Erfahrungen aus.

Hinweis

Diese Auflistung ist unvollständig. Nutzen Sie die auch die Unterstützung durch das NS-Dokumentationszentrum
KZ Osthofen
Ziegelhüttenweg 38
67565 Osthofen.
www.projektosthofen-gedenkstaette.de

 

Diesen Artikel als PDF-Datei HIER downloaden

 


Zum Seitenanfang