Grußwort des Sprechers der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland (LAGE), Frank-Matthias Hofmann anlässlich der Mitgliederversammlung der LAG Erinnerungsarbeit in Rheinland-Pfalz (RLP) am 30.11.19 (teilweise in Stichworten)

 

Grüße von der jüngeren, kleineren LAG-Schwester aus dem Saarland, die jetzt ein Jahr besteht.

Über mich:

Meine Gedenkarbeit:
Gesprächskreis Juden und Christen in Stadt und Landkreis Ludwigshafen, Kuratorium Christl.-Jüd. Gesellschaft Rhein-Neckar in Mannheim, Oskar Althausen als Gurs-Überlebenden noch kennengelert; Arbeitskreis (AK) Kirche und Judentum der pfälzischen Landeskirche; AK Juden und Christen des Reformierten Bundes an der Alten Synagoge in Essen.

Projekte in der Pfalz:
Aufarbeitung NS-Geschichte vor Ort in Kirchengemeinde Rheingönheim: Zwangsarbeiter im Alltag protestantischer Gemeindeglieder und in Firmen wie Raschig und Guilini, aber auch bei Handwerkern, Fremdarbeiterlager Giulini-Gelände, Jüdisches Bethaus Rheingönheim, Benennung des Platzes nach dem letzten jüdischen Kantor Ludwighafens, Josef Jacob, Gedenktafel in Bronze dieses Jahr leider geklaut, Mitgestaltung Gedenktage wie Reichspogromnacht in Ludwigshafen.

Bis 2006 Gemeindepfarrer in Rheingönheim, seit 2006 Leiter des Evangelischen Büros Saarland als Kirchenrat in Saarbrücken. Zuletzt Initiator und Mitautor des Buches „Protestanten ohne Protest - Die evangelische Kirche der Pfalz in der NS-Zeit“, Beiträge „Zwangsarbeiter und Seelsorge in der sog. Roten Zone und in den Evakuierungsgebieten 1939/40“, zusammen mit Christine Lauer; zahlreiche Folgeprojekte wie Stempeltagung/Stille Hilfe, religionspädagogische Materialien, Herxheimer Glocke, Wanderausstellung Ommersheim und Ludwigskirche Saarbrücken!)

Einsatz für Antisemitismusbeauftragten im Saarland: Prof. Rixecker; Mitglied im Beirat ab 2020; Anregung der Gründung der LAGE durch Verein Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) Saarland, die Herren Hillen und Baus, wobei Herr Baus mittlerweile auch für RLP als Geschäftsführer beim VDK zuständig ist.

LAG Erinnerungsarbeit:

Dank für die Hilfestellung bei der Gründung der LAG Erinnerungsarbeit im Saarland: Dr Beate Welter, Gedenkstätte KZ Hinzert und Dieter Burgard, sowie Landeszentrale für politische Bildung Saarland. Mit Gaststatus in unserer LAG sind nicht nur der Saarländische Landtag, sondern auch die Gedenkstätte KZ Hinzert und die Universität Trier (Herr Dr. Grothum), so dass auch hierüber Verbindungslinien bestehen, wofür wir dankbar sind.

Aufgabenstellung LAGE: (Auszug aus dem Leitlinienpapier)

Die „Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland“ ist dem gesellschaftspolitischen sowie demokratie- und menschenrechtspädagogischen Auftrag der Erinnerungsarbeit zur Zeit des Nationalsozialismus verpflichtet. Sie bündelt und stärkt die in der saarländischen Erinnerungslandschaft geleistete Arbeit. Nach außen vertritt sie die Interessen der saarländischen Erinnerungsakteurinnen und -akteure.

Leitbild der „Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland“

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die unter seiner Herrschaft begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihres politischen Bekenntnisses, ihrer körperlichen und geistigen Verfasstheit, ihrer sexuellen Orientierung sowie der von ihnen gewählten Lebensform – geht mit dem Bekenntnis zu einer offenen, den Menschenrechten verpflichteten demokratischen Gesellschaft einher. Die Erinnerung an die Zeit von 1933 bis 1945 – das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an den Widerstand – gehört daher notwendig zum Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland und bildet somit das Fundament unserer politischen Kultur.

Der industriell verübte Völkermord, der sich mit dem Namen Auschwitz verbindet, ist eine Tatsache und damit Teil der deutschen Geschichte. Die nachfolgenden Generationen stehen in der Verantwortung, den Opfern zu gedenken und ihnen Respekt zu erweisen. Zugleich bindet sie der Auftrag, die Ursachen der im Nationalsozialismus begangenen, einen Zivilisationsbruch auslösenden Verbrechen zu ergründen und deren Ausmaß, ohne dabei auch nur den Anschein von Verherrlichung oder Akzeptanz zu erwecken, zu dokumentieren. Das Geschichtsbewusstsein der nachfolgenden Generationen ist zu fördern und zu stärken. Der Maßstab der wissenschaftlichen und erinnerungspädagogischen Arbeit ist dafür die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Aufgabe der Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit im Saarland ist es im Besonderen, Einzelschicksale aus der Region, regionalspezifische Themen sowie regionale und lokale Ereignisse und Strukturen mit ihren überregionalen Zusammenhängen aufzuarbeiten und zu vermitteln.

Sprecherrat

Der Sprecherrat besteht aus neun Mitgliedern.

Im Sprecherrat sollten möglichst all jene relevanten Bildungs- und Gesellschaftsbereiche vertreten sein, in denen seit vielen Jahren im Saarland mit großer fachlicher Kompetenz und großem Engagement Erinnerungsarbeit umgesetzt wird. Dazu zählen folgende Bereiche:

  • Zivilgesellschaft;
  • schulische Bildung;
  • außerschulische Bildung;
  • Jugendarbeit;
  • Religionsgemeinschaften;
  • Wissenschaft;
  • Museen;
  • Historische Vereine;
  • Städte und Gemeinden.

(Auszug aus dem Leitlinienpapier der LAGE)

Newsletter zweimal im Jahr, Webseite: www.erinnerungsarbeit-saarland.de (dort ist auch Bericht des Sprechers über die Arbeit der LAGE nachzulesen)

Jahresthemen
2018: 80 Jahre Reichspogromnacht: über 1000 Menschen auf der Straße;

2019 Mahnwall ehemaliger Westwall (Friedensakademie RLP, Ev. Akademien Pfalz und Saarland)

2020: 80 Jahre Deportation Gurs: Opferzahlen stimmen nicht: Historiker Roland Paul recherchiert im Archiv des Departements Pyrénées Atlantiques in Pau, um die Lagerkartei und verschiedene Dossiers zu einzelnen Internierten auszuwerten. Er konnte für diese Arbeit für das Saarland gewonnen werden, so wie er die umfangreiche Dokumentation engagiert auch für Rheinland-Pfalz erarbeitet hat.

  • Er wird folgende Recherchearbeiten tätigen:
  • Kurzbiographien zu den 145 aus dem Saarland nach Gurs deportierten Juden;
  • Kurzbiographien der aus der Pfalz und aus Baden deportierten saarländischen Juden;
  • Namen und Daten der vor allem ab 1935 nach Frankreich und Belgien emigrierten jüdischen Saarländer, die 1940 in das Lager Gurs kamen;
  • Namen und Daten von aus dem Saarland stammenden Soldaten des spanischen Bürgerkrieges, die ab 1939 in Gurs interniert wurden.

Das Haus der Wannsee-Konferenz bereitet z.Zt. übrigens eine Ausstellung zur Gurs-Deportation vor, die im Oktober 2020 in Berlin (entweder im Haus der Wannsee-Konferenz oder im Auswärtigen Amt) und in Karlsruhe eröffnet werden soll). Von dieser Ausstellung werden Kopien erstellt (Roll-Ups), die in verschiedenen Städten der Pfalz und im Saarland gezeigt werden sollen, wo dann auch regionale Details eingebracht werden können.

Da wir weder dem Landtag (Landtagspräsident Toscani hat Erinnerungsarbeit als Schwerpunkt seiner Arbeit ausgerufen) noch der Landeszentrale für politische Bildung ins Handwerk pfuschen wollen, haben wir uns abgestimmt und werden einen Vortrag zu Spanienkämpfern in Gurs anbieten, sowie eine Fahrt ins NS-Dokumentationszentrum der Sinti und Roma nach Heidelberg unternehmen, denn auch diese Gruppe wurde nach Gurs deportiert, was wenig bekannt ist. Wir gehen also bewusst in die Themen, die von anderen nicht besetzt sind, um nicht zu doppeln.

Mit dem Saarländischen Landtag ist als erste gemeinsame Aktion geplant die Vorstellung des neuen Buches des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde über Josef Bürckel, Titel „Nationalsozialistische Herrschaft und Gefolgschaft in der Pfalz“, in der wegen der Tätigkeit Bürckels als Reichskommissar für das Saarland 1935-40, Chef der Zivilverwaltung im besetzten Lothringen 1940-44 und Reichstatthalter ab 1941 der sogen. „Westmark“ viele Saarbezüge vorhanden sind (5.3.2020 im Landtag).

Weitere Sitzungen geplant u.a. im Januar mit dem Antisemitismusbeauftragten Prof Rixecker, im Mai im Psychiatriemuseum Merzig, im Oktober Mitgliederversammlung in der Synagoge Saarbrücken.

Zum Schluss kommt aber der Klimax:
Eine gemeinsame Sitzung der Sprecher_innenräte mit euch Pfälzern, die noch terminiert werden muss, verabredet ist sie schon zwischen Dieter und mir.

Wir würden euch gerne die Gedenkstätte KZ-Neue Bremm vorstellen.

Alle diese Aktivitäten zeigen, dass viele mithelfen, unsere LAG im Saarland mit Leben zu füllen und zu weiterer Sichtbarmachung des Engagements der einzelnen Mitglieder (deren Arbeit wir ja nicht ersetzen, sondern stärken wollen) auf Landesebene beizutragen.
Wir sind dabei, unseren Anspruch einzulösen, gute Rahmenbedingungen für die einzelnen erinnerungspolitischen Akteure im Saarland zu schaffen. Aber auch mit dem einen oder anderen neuen gemeinsamen Projekt sollen in der Öffentlichkeit Anreize gegeben werden, sich intensiver mit einzelnen Themen sowie Tätern und Opfern zu beschäftigen. Denn die Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit ist heutzutage ganz neu herausgefordert: Zeitzeug_innen gibt es nur noch wenige. Es muss für die jüngere Generation auf moderne mediale Vermittlungsformen gesetzt werden, um Interesse an dem zu wecken, was auf hiesigem Boden in der NS-Zeit und danach bei der (Nicht-?) Aufarbeitung dieser Zeit geschah.

In einer Zeit, in der die vom NS-Regime begangenen Menschheitsverbrechen in öffentlichen Diskursen relativiert werden, benötigen wir mehr denn je eine professionelle, kenntnisreiche und engagierte Erinnerungsarbeit mit gesellschaftlicher Breitenwirkung.
Für die NS-Verbrechen gilt nach wie vor: Es gibt kein Ende des Erinnerns! Die Erinnerung an die Verbrechen ist weder Schande noch Schwäche. Sie stärkt die Sensibilisierung für die Würde und die elementaren Rechte des Menschen heute. Daran mitzuwirken ist deshalb auch ein Dienst am Menschen und an unserem demokratischen Rechtsstaat.
Danke, dass Sie das auch in RLP sehr engagiert tun.
Und danke, dass wir das zukünftig auch in guter Kooperation vertrauensvoll und mit vereinten Kräften tun können.

Danke für Ihre und eure Aufmerksamkeit!

 

 

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