AG Judentum in der Region Bad Dürkheim

Werner-Heisenberg-Gymnasium - Dr. Markus Sasse

Hintere Straße 9

76756 Bellheim


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Judentum in der Region Bad Dürkheim
ein fachübergreifendes Projekt des Werner-Heisenberg-Gymnasiums Bad Dürkheim

 

 

1. Wissenschaft, Gedenkformen und Begegnung

Die inhaltliche Arbeit des Projekts beruht auf drei Säulen: Wissenschaft, Gedenkformen und Begegnung. Diese drei Säulen sind sehr stark inhaltlich verknüpft und bieten erhebliche Schnittmengen.

 

Im Themenbereich Wissenschaft geht es um die Aufarbeitung der regionalen Geschichte des Judentums bis in die Gegenwart. Die Besonderheiten des pfälzischen Landjudentums in unmittelbarer Nachbarschaft mit den ehemaligen (mittelalterlichen) städtischen Zentren jüdischen Lebens und Gelehrsamkeit in Speyer und Worms. Zu einem besseren Verständnis wird diese Geschichte in die allgemeine jüdische Geschichte und Kulturgeschichte Europas eingebunden. Dies dient v.a. dem Aufarbeiten der immer noch gängigen antijüdischen Klischees (Judentum und Geld; Weltjudentum; abgeschottete Lebensweise; Judentum als starre Gesetzesreligion; jüdischer Fundamentalismus).Bearbeitet werden dabei weniger ereignisgeschichtliche Details als vielmehr historische Umbruchssituationen, die folgenreiche Entwicklungen verursacht haben. Dies betrifft sowohl die allgemeine jüdische Geschichte (mittelalterliches Stadtjudentum, Landjudentum in der frühen Neuzeit, jüdische Emanzipation seit dem 19. Jahrhundert) als auch die Geschichte der Judenverfolgung (religiöser Antijudaismus in Antike und Mittelalter, rassistischer Antisemitismus als Kritik an der Moderne, industrielle Vernichtung des europäischen Judentums, islamistischer Antisemitismus).Neben den thematischen Kompetenzen erhalten die Teilnehmer einen fundierten Einblick in wissenschaftliches Arbeiten und die Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse für den politischen Diskurs. Neu an diesem Projekt ist die inhaltliche Verknüpfung der Regionalgeschichte mit den größeren Zusammenhängen innerhalb eines fachlichen Themenportals. Lokalhistorische Arbeiten, die für unseren Raum in großer Zahl vorliegen, sind derart akribisch auf enge z.T. biographische Kontexte konzentriert, dass eine inhaltliche Auswertung (besonders im schulischen Kontext) ohne den größeren Kontext kaum möglich ist. Den Teilnehmern wird somit ermöglicht, die Besonderheiten innerhalb eines allgemeinen Kontextes herauszuarbeiten. Diese Erkenntnisse ermöglichen dann auch Kompetenzen für die Teilnahme am politischen Diskurs (Fremdenfeindlichkeit, Integrationspolitik, Umgang mit ethnischen oder religiösen Randgruppen). Wichtig für die Arbeit des Projekts ist der enge Zusammenhang von Bildung und Toleranz.

 

Einen damit verbundenen Schwerpunkt bietet der Themenbereich Gedenkformen: Das Thema Judentum ist in der deutschen Öffentlichkeit meist in Form von Gedenkkulturen präsent. Der Rückbezug zur jüngeren deutschen Geschichte ist häufig auch der Anlass, sich mit dem Judentum oder Jüdinnen und Juden zu beschäftigen. Angesichts der wieder wachsenden Zahl jüdischer Menschen in unserem Land sind die vorhandenen Gedenkkulturen zu überdenken. Gedenken ist weiterhin notwendig, darf aber nicht in den bisherigen Formen erstarren, sondern muss stärker auf eine gemeinsame Zukunft mit den aktuell in Deutschland lebenden Juden ausgerichtet sein. Die Arbeitsgemeinschaft wird in diesem Sinne die zentrale Gedenkveranstaltung für die Stadt und den Landkreis Bad Dürkheim am 9. November 2012 ausrichten (Abendveranstaltung mit Texten, Theater und Musik und der Eröffnung einer Ausstellung in der Schlosskirche). Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem protestantischen Kirchenbezirk und dem Lokalen Aktionsplan Bad Dürkheim. In Kooperation mit dem Projekt „Denk-mal“ (Eberhard Dittus) werden wir im kommenden Schuljahr eine Patenschaft für die KZ-Gedenkstätte Neustadt übernehmen.

Begegnungen mit Juden sind wichtiger als jedes Fachbuch über Juden: Die Situation der Juden in Deutschland nach 1989 ist der interessierten Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt.Es existieren zur Zeit eine Vielzahl jüdischer Identitäten nebeneinander. Dies stellt die bestehenden jüdischen Gemeinden vor große Herausforderungen. Dabei geht es nicht nur um die Integration der meist zugewanderten Juden in die deutsche Gesellschaft, sondern v.a. um deren Anbindung an bestehende Synagogengemeinden sowie gezielte Bildungsangebote für bislang religionsferne jüdische Migranten. Das Unterrichtsthema „Judentum“ ist dieser neuen Situation bislang kaum gerecht geworden: Im Vordergrund stehen meist vergangene jüdische Lebenswelten („Das jüdische Worms“) oder heute unzureichende Richtungseinteilungen (liberal, orthodox, konservativ etc.). Eine Schülerin wird sich diesem Thema im nächsten Schuljahr in einer Jahresarbeit widmen. Dazu wird es zu Begegnungen mit Juden aus verschiedenen jüdischen Gemeinden kommen. Die jüdische Kultusgemeinde Rheinpfalz hat bereits eine Einladung ausgesprochen. Geplant (und auch schon zugesagt) sind Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen. Das Thema Judentum sollte nicht mehr nur „museal“ angegangen werden (jüdische Viertel in Speyer und Worms, jüdische Friedhöfe und ehemalige Synagogen) sondern stärker mit Begegnungen und Gesprächen verbunden werden.

 

Bad-Dürkheim - Mahnmal

 

 

 

 

2. Der Ort des Projektes in der Schule

Die Arbeitsgemeinschaft hat sich nach einem anfänglich rein fachlichen Interesse mittlerweile stärker Richtung gesellschaftspolitische Arbeit entwickelt. Dazu beigetragen haben v.a. die aktuellen politischen Diskurse (Sarrazin-Debatte, Nahost-Konflikt, islamischer Antisemitismus, Beschneidungsurteil).

-Die Arbeitsgemeinschaft ist aus der Arbeit der Schülervertretung hervorgegangen. Der überwiegende Teil der Schüler ist oder war in der Schülervertretung engagiert, viele waren Schülersprecher.

-Die Arbeit entspricht dem pädagogischen Konzept unserer Schule, das sehr viel Wert auf Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit legt. Die Teilnehmer arbeiten selbständig einzeln und in Gruppen an selbst gewählten Themen. Die betreuenden Lehrkräfte unterstützen sie darin und geben bei Bedarf fachwissenschaftliche Hilfestellungen.

-Innerhalb der Schulgemeinschaft wird in unserem Projekt am intensivsten die Schulhomepage fachlich genutzt. Dabei wird das Aufbereiten von Inhalten für das Internet eingeübt – mit fachlicher und rechtlicher Unterstützung der Lehrkräfte. Es bestehen intensive Kontakte zur Homepage-AG unserer Schule.

-Nach dem Auslaufen einer Antirassismus-AG wird unsere Schule an dem Programm „Schule mit Courage“ teilnehmen. Unsere Arbeitsgemeinschaft ist dafür die personale und inhaltliche Ausgangsbasis.

 

3. Fachübergreifendes Arbeiten

Die betreuenden Lehrer Hanns Franken und Dr. Markus Sasse vertreten die Fächer Bildende Kunst und Evangelische Religionslehre. Dies entspricht dem inhaltlich sehr breit angelegten thematischen Konzept. Darüber hinaus gibt es intensive Zusammenarbeit mit Lehrkräften aus den Fachbereichen Geschichte, Deutsch, Sozialkunde, die zum Teil mit ihren Klassen einzelnen Themen des Projekts bearbeiten und zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft veröffentlichen. Dafür bieten sich v.a. zeitgeschichtliche Themen aus dem Oberstufenunterricht an.

 

4. Arbeitsformen

Die Arbeit an den einzelnen Themen findet innerhalb und außerhalb der Schule statt.

-Die einzelnen fachlichen Artikel werden von den Teilnehmern selbständig erarbeitet. Die Schulbibliothek hat dafür zusätzlich Fachmaterial aus den Bereichen Judentum, Zeitgeschichte und politischer Bildung angeschafft.

-Die Intensivkurse bieten Überblicke zu komplexen Themenzusammenhängen.

-In Arbeitsgruppen werden v.a. Karten, Übersichten aber auch künstlerische Projekte realisiert. Auch kleinere Exkursionen werden von Teams vorbereitet.

-Die Exkursionen zu nahen und fernen Zielen finden außerhalb der Unterrichtszeit statt. Besonderer Wert wird hier seitens der Lehrkräfte auf öffentliche Vorträge in den Universitäten oder Akademien gelegt. Auch der gemeinsame Besuch von Fachtagungen ist geplant.

-Zum besonderen Profil unserer Arbeitsgemeinschaft gehört die gemeinsame Arbeit von Schülern und Studierenden. Schüler unserer Schule, die ihr Abitur bestanden haben, nehmen das Projekt gewissermaßen in ihre neue Lebensphase mit. Dies bietet erstaunlichen Möglichkeiten für einen themenzentrierten Umgang der Teilnehmer untereinander (Kommunikation auf Augenhöhe): Schüler lernen von ehemaligen Schülern. Sie erhalten Unterstützung für ihre Jahresarbeiten (Benutzung von Universitätsbibliotheken) oder haben interessante Gesprächspartner, die aufgrund ihrer anderen Lebenssituation andere Zugänge zu einem Thema haben. Für den Dezember ist eine Exkursion nach Hamburg geplant, die von zwei Studierenden (Jura und Kunstgeschichte) organisiert wird. Diese ehemaligen Schüler sind hervorragende Multiplikatoren, da sie sich langfristig mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen befassen, die ansonsten mit ihren Studieninteressen kaum etwas zu tun haben.

 

5. Publikation der Ergebnisse

Die Ergebnisse des Projekts werden regelmäßig intern ausgetauscht und dann auf der Homepage veröffentlicht.

-Als interner Kommunikationskanal dient eine geheime Facebook-Gruppe, über die die Teilnehmer über den Stand des Projektes aber auch die Planungen informiert werden. Hier können Zwischenergebnisse eingestellt und Anregungen formuliert werden. Gleichzeitig werden alle verfügbaren Neuigkeiten aus dem Internet zum Thema als weiterführende Links gepostet. Die Schüler lernen in diesem Zusammenhang, wie man fachlich und seriös mit dem Medium Facebook umgehen kann. Als Kontaktmöglichkeit für die mittlerweile auswärtigen Ex-Schüler bietet dieser Kommunikationskanal erhebliche Vorteile gegenüber E-Mail-Kommunikation.

-Die Teilnehmer veröffentlichen ausschließlich eigenes Material unter eigenem Namen. Nur in Ausnahmefällen werden Fremdtexte übernommen – allerdings nur mit ausdrücklicher Erlaubnis. Das rechtlich korrekte Arbeiten mit Inhalten im Internet ist eine wichtige Kompetenz, die in diesem Projekt erworben werden soll. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Print-Publikationen und Internet-Publikationen werden eingeübt und angewendet. Zwei Printpublikationen sind in Vorbereitung (vgl. Projektskizze).

-Publiziert werden aber nicht nur Themenartikel. Ziel ist die Gestaltung von Unterrichtsmaterial: Schüler erstellen Unterrichtsmaterial für Schüler. Erste Ergebnisse liegen bereits für die Exkursion der 7. Klassen in jüdische Worms vor. Die Schüler dieser Jahrgangsstufe bereiten sich mithilfe des von der Arbeitsgemeinschaft erstellten Materials vor – und geben auch kritische Rückmeldungen (Evaluation)

 

6. Vernetzung und Kommunikation

Im-Gespräch-Bleiben ist der beste Schutz vor intoleranten und fremdenfeindlichen Tendenzen. Das Knüpfen und Pflegen von Kontakten wird in diesem thematischen Bereich eingeübt, ist aber letztlich auf alle Lebensbereiche übertragbar.

-Die Arbeit mit Institutionen steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit. Neben der Verwendung von Archiven und Datenbanken geht es aber v.a. um das Herstellen von persönlichen Kontakten (Zeitzeugen-Interviews, Begegnungstreffen).

-Wichtig ist auch der regelmäßige Austausch mit anderen Menschen, die sich mit einem vergleichbaren Themenbereich befassen. Man muss das Rad nicht neu erfinden, Erfahrungsaustausch ist hilfreich.

-Themenübergreifende Kontakte stellen das Projekt in den größeren Zusammenhang gesellschaftspolitischer Arbeit. Die Beschäftigung mit dem Judentum führt in die Themenbereiche Migration, Umgang mit Minderheiten, religiöse und gesellschaftliche Toleranz, interreligiöser Dialog, Fremdenfeindlichkeit etc.

 

7. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Von der Geschichte des Judentums kann man lernen, welche normative Rolle die eigene Vergangenheit für die Bewältigung der gegenwärtigen Probleme und eine hoffnungsvolle Zukunft haben kann. Der Anspruch, aus der Geschichte lernen zu wollen, ist bei allen Brüchen und Neuanfängen in der Geschichte des Judentums ein bleibender und wiederkehrender Denkansatz. In diesem Sinne will das Projekt unter Einbeziehung der Geschichte und der wohlwollenden Problematisierung des Umgangs mit der Vergangenheit in unserem regionalen Kontext im Gespräch mit Jüdinnen und Jüdinnen Zukunftsarbeit leisten.

 

Wachenheim - Friedhof

 


 

 

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Kontakt:

AG Judentum in der Region Bad Dürkheim

Werner-Heisenberg-Gymnasium - Dr. Markus Sasse

Hintere Straße 9

76756 Bellheim

 

 

 

 


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