Förderverein Autobahnkirche St. Paul Wittlich e.V.
Vorsitzender Wolfram Viertelhaus
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Mahnmal für die Zwangsarbeiter beim Autobahnbau 1939 bis 1942

Wolfram Viertelhaus

Wer von Wittlich kommend die Autobahn Richtung Koblenz fährt, kommt bei Flußbach über einen Damm, der während des Zweiten Weltkrieges von Zwangsarbeitern aufgeschüttet wurde. Wenigen Benutzern der Autobahn A1 dürfte bewusst sein, dass einige Abschnitte bereits in den Jahren 1939 bis 42 erbaut wurden und dabei vor allem Zwangsarbeiter eingesetzt waren.

Um den Autobahnbau herum formte man in der Zeit des Nationalsozialismus einen sehr erfolgreichen und bis heute nicht ganz ausgerotteten Mythos. Obwohl die ersten Autobahnen bereits vor 1933 fertiggestellt waren (z.B. Bonn – Köln) und es auch viele weitere Planungen gab, gewannen sie in der Nazizeit eine besondere Bedeutung. Fritz Todt, der Generalinspekteur des deutschen Straßenwesens, machte sie zu »Straßen des Führers«.

Für den Westen des Reiches, so verkündet es ein Artikel von Hans Fritsch im Trierer Nationalblatt, dem Presseorgan der Nazis, vom 13. Juni 1939, hat die Autobahn eine besondere Bedeutung: »denn der Westen des Reiches, das linksrheinische Gebiet, war immer vom Rest des Reiches abgeschottet gewesen durch die Geschichte. Der Westen war, so die Ideologie damals, ein Niemandsland, das man mit völkischen Gedanken und völkischer Kultur erst durchdringen musste. Die Bewohner dieses Landes sind noch nicht so ganz im Neuen Deutschland angekommen, aber es helfen ihnen vor allem zwei Bauwerke: der Westwall, der sie von den schädlichen Einflüssen aus dem Westen abriegelt und die Autobahnen, die sie mit dem Rest des Reiches verbinden sollen«.

Neben diesen ideologischen Aspekten hatte der Autobahnbau natürlich einen militärischen Hintergrund. In einem Brief Fritz Todts, der sowohl für den Westwall als auch für die Autobahnen zuständig war, schreibt dieser im März 1940: „Das Oberkommando des Heeres, das westlich des Rheins in größerem Umfang Straßenbauarbeiten auf Reichs- und Landstraßen verlangt, fordert auch die Fertigstellung derjenigen Strecken der Reichsautobahn, die als Zubringer ins Operationsgebiet vorgesehen sind.“ (Bundesarchiv Berlin, R. 4601) Im März 1940 steht die Forderung nach dem Straßenbau im Westen im Zusammenhang mit den Vorbereitungen des Frankreichfeldzuges. Allerdings gelang der Bau der Autobahnen nicht in dem Tempo, wie es sich Todt vielleicht vorgestellt hatte. So blieben für das Militär doch vor allem die Reichsbahn und die Reichsstraßen als Nachschubwege entscheidend.

Mit dem Autobahnbau waren zunächst freiwillige Arbeiter und Männer beschäftigt, die zum Reichsarbeitsdienst eingezogen waren. Im Zuge der forcierten Kriegswirtschaft wurden, besonders ab Kriegsbeginn, diese Arbeiter knapp. Deshalb wurden in zunehmendem Maße Zwangsarbeiter eingesetzt. Im Bereich um Wittlich waren es Häftlinge des KZ Hinzert, für die das Außenlager in Wittlich/Hahnerweg eingerichtet wurde, Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Wittlich, Kriegsgefangene und Zwangsverpflichtete aus verschiedenen Barackenlagern, jüdische Zwangsarbeiter und andere mehr. Neben den Deutschen waren dies vor allem Menschen aus Luxemburg, Frankreich, der Sowjetunion, Polen, den Niederlanden und Belgien.

Neben den bereits genannten Lagern gab es weitere entlang der Strecke, die zu unterschiedlichen Zeiten und je nach dem Bedarf an der Strecke genutzt wurden. Solche Lager gab es u.a. in Schweich, Salmrohr, Wittlich, Dorf, Flußbach, Greimerath, Hasborn, Eckfeld, Niederöfflingen, Brockscheid und Mehren.

Aus einem Dokument aus dem KZ Hinzert lässt sich der Arbeitsalltag von Häftlingen aus diesem Lager ersehen: »Ab 1. Mai 40 soll in 2 Schichten gearbeitet werden. 1. Schicht beginnt morgens um 5 Uhr und arbeitet bis 14 Uhr. Die Fa. Krutwig verabreicht um 10 Uhr eine warme Suppe. Nach Rückkehr ins SS-Sonderlager erhalten diese Zöglinge ihr Mittagessen. Das Frühstück wird vor der Abfahrt verabreicht. Die 2. Schicht beginnt um 12 Uhr mittags und arbeitet bis 22 Uhr. Das Mittagessen wird vorher im SS-Sonderlager eingenommen. Die Fa. verabreicht eine warme Suppe. Nach Rückkehr ins SS-S.-L. werden die kalten Portionen und Kaffee verteilt. Neuzugänge werden je zur Hälfte auf die beiden Schichten verteilt. Die Anfahrtszeit beträgt für Omnibusse ca. 2 Stunden.« (Bundesarchiv Berlin, NS 4- HI 6).

Emile Schaus, späterer Landwirtschaftsminister von Luxemburg, Häftling im KZ Hinzert, im KZ-Außenlager Wittlich und KZ Dachau schrieb in seinem Buch Auf der Galeere: »Beim stundenlangen Arbeiten auf der Autobahn auch bei Schnee und Eis blieb es stets gefährlich innezuhalten, sich aufrecht zu stellen, um bloß eine Weile dem Körper eine normale Haltung zu geben und zu verschnaufen. Die Reaktion der SS waren sofort Kolbenstöße mit dem Gewehr und derbe Flüche.«

 


 

Zur Geschichte des Mahnmals

Mir war es ein Anliegen, diese Menschen, die wie Sklaven beim Bau der Autobahn helfen mussten, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, dem sich der „Förderverein Autobahnkirche St. Paul Wittlich e.V.“ und der Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde Wittlich“ direkt anschlossen.

Der Wittlicher Künstler Sebastian Langner konnte für diese Idee begeistert werden und so wurde sie innerhalb eines Jahres umgesetzt. Das Mahnmal, das das erste seiner Art in Deutschland ist, wurde ausschließlich durch Spenden finanziert, wobei der Künstler auf sein Künstlerhonorar verzichtete.

Am 27.Januar 2013 wurde aus Anlass des Holocaust-Gedenktages das Mahnmal mit einer eindrucksvollen Feier und einem ökumenischen Gottesdienst enthüllt. Der Künstler Sebastian Langner erklärte bei der Enthüllung sein Kunstwerk folgendermaßen:

Bei der Suche nach der Form für dieses Mahnmal kam ich von der Sprache her: woher kommt etwas, wo wurzelt es? Die Sprache benutzt ein Bild aus der Natur und über die Sprache transformiert, übersetze ich es zurück in ein Bild. Das Bild wird zum Sinnbild, zum Symbol.

Das Zeichen für Autobahn, wie man es so ähnlich von Verkehrsschildern kennt - die Brücken stehen für die Kreuzungsfreiheit, das Hauptmerkmal der Autobahn - erwächst aus einer unordentlich, wurzelhaft erscheinenden Form, die in einer zweiten Ebene vorgeblendet ist. Die Autobahn stößt auf die untere Platte. Die Vergangenheit wird in einer Negativform, durch Auslassung, dargestellt. Die Negativform enthält auch die herausgelaserte Inschrift und steht hier für die Sinnebene, die über der Realebene liegt. Deshalb liegt diese Ebene auch als eigene Platte vor der anderen. Wir schauen durch die Sinnebene mit der Erkenntnis des Unrechts auf die Realität. Diese zweite Ebene gibt den Blick frei auf die rote Farbe, die wegen ihrer Nähe zur Farbe des Blutes für die existenzielle Situation der Zwangsarbeiter steht. Es ging um die körperliche und geistige Unversehrtheit und auch um Leben und Tod. Blutrot steht für Gewalt.

Die Wurzel besteht in ihren feinen Verästelungen aus stacheldrahtartigen Formen. Sie liegt formal zwischen Wurzel und Stacheldraht. Dass das erst auf den zweiten Blick erkennbar ist, erhöht den Effekt und spiegelt unsere späte Erkenntnis des begangenen Unrechts beim Autobahnbau. Der Stacheldraht steht für das Gefangensein, die Unfreiheit.

Aus diesem gewalttätigen und unfreien Beginn erwächst die Autobahn, die wir so selbstverständlich benutzen - so frei und selbstverständlich, dass Menschen aus der halben Welt anreisen um ohne Tempolimit auf ihr rasen zu können.

Hoffentlich kann dieses Werk ein Mosaiksteinchen in der Erinnerungskultur sein. Es soll kein, das Gewissen beruhigender, Schlusspunkt sein, sondern im besten Fall der Beginn einer weiteren Auseinandersetzung. Vielleicht führt diese Auseinandersetzung zu Versöhnung, hoffentlich sensibilisiert sie den Blick auf heutiges Unrecht.

Wer seine Vergangenheit nicht kennt, den kann es die Zukunft kosten“ sagt der Dichter Reiner Kunze. Deshalb ist wichtig auch für künftige Generationen die Erinnerung daran wach zu halten, dass es eine Zeit in Deutschland gab, wo Sklavenarbeit Teil eines menschenverachtenden Systems war. Wenn das Mahnmal mit dazu beiträgt, ein Bewusstsein zu verhindern, dass es Menschen verschiedener Klassen gibt, dann ist dieses Mahnmal eine Investition in die Zukunft. Erinnern soll mit dazu beitragen, die Gegenwart verantwortlich zu gestalten und eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen.

Warum steht das Mahnmal an einer Kirche? Das hat einmal praktische Gründe. Wer sollte z.B. an einer Raststätte ein solches Mahnmal betreuen? Wer in die Autobahnkirche kommt, kann beim Blick auf das Mahnmal innehalten, der Menschen gedenken, an die es erinnern will und auch den zukunftsweisenden Sinn bedenken. Die Kirchen und viele Christen sind im Dritten Reich vor allem durch ihre passive Haltung mitschuldig geworden. Dass dieses Mahnmal an einer Kirche seinen Platz gefunden hat, kann auch als ein kleines Stück Wiedergutmachung betrachtet werden. Die zentrale Aussage der Bibel über den Menschen ist seine Gottebenbildlichkeit, aus der sich seine besondere Würde und die Gleichheit aller Menschen ableiten. Diese Botschaft wurde gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn zu kleinlaut verkündet.

In Wittlich wird seit Jahren eine intensive, eigenständige Erinnerungs- und Gedenkarbeit geleistet. Das Mahnmal reiht sich würdig in die anderen, spezifischen Erinnerungsstätten dieser Stadt ein. Zukunftsorientiert und originär wird so in Wittlich die Verantwortung für die Vergangenheit wahrgenommen.

 

(Bei der Erstellung des Textes wurden u.a. Teile des Vortrages von Dr. Marianne Bühler mitverwertet.)

Wolfram Viertelhaus, Wittlich, Vorsitzender des „Fördervereins Autobahnkirche St. Paul, Wittlich e.V.“

 

 

 

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